Belletristik fragt … Uwe Kolbe
Sie sind vor kurzem mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet worden, der vorläufig letzte in einer ganzen Reihe von Preisen. Ist eine solche Ehrung noch etwas Besonderes für Sie, was bedeuten Ihnen solche Auszeichnungen?
Nach dreizehn Jahren einmal wieder so handfest, d.h. öffentlich sichtbar und mit einer runden Summe geehrt zu werden, tut gut.
Die Jury des Preises der deutschen Literaturhäuser hebt besonders die Qualität Ihres Vortrages bei den Lesungen hervor. Verstehen Sie selbst die unmittelbare Präsentation ihrer Lyrik als zentrales Element dieser Gattung, muss man Lyrik hören, um Sie zu verstehen, oder halten Sie die Präsentation eher für sekundär?
Die Statuten des Preises der Literaturhäuser schreiben vor, daß die Qualität des Vortrags neben der des Werks bei der Vergabe beachtet werden muß. Auf der Tournee, auf der man den Preis sozusagen einsammelt (je ein Achtel Preisgeld und eine je eigene Laudatio) und auch dafür arbeitet, nämlich einen Abend in dem jeweiligen Haus gestaltet, begleitete mich der Posaunist Johannes Bauer. D. h. es gab über den Vortrag von Gedichten hinaus das Wechselspiel und die Überlagerung mit musikalischer Improvisation.
Abgesehen von dieser Besonderheit empfehle ich das laute Lesen von Gedichten, ob nun durch den/die Verfasser/in oder eine/n andere/n Leser/in dringend. Gedicht ist in seiner gesamten Geschichte immer Klang, Rhythmus, Maß gewesen (in wenigen Ausnahmefällen die Verweigerung desselben). Der erste und sinnlichste Aspekt am Gedicht ist also etwas, das beim stummen Lesen kaum realisiert werden kann. Wenn es nicht so wäre, wozu diente die Vielzahl der öffentlichen Lesungen bei uns? Die Nasen der Autoren kann man sich auch im Internet ansehen.
Auf mein Vorlesen eigener Gedichte bezogen, höre ich gelegentlich, daß es dem Verständnis meiner Arbeiten nicht gerade abträglich ist.
Was hat Lyrik, was Prosa nicht hat und was zeichnet ein gelungenes Gedicht aus?
Die Antwort auf diese Frage muß ein wenig ausholen und an die vorige anschließen:
Das [deutschsprachige] Gedicht [der Gegenwart] ist gebundene Rede, ist Maß im Kleinen (im kalkulierten Auf und Ab der Silben, im Vers) wie im Großen (Strophe, Gedicht, Zyklus). Es benutzt Metren oder nicht, den Reim oder nicht, die Alliteration, allemal den Zeilenbruch, langen oder kurzen Vers und manchmal keinen Vers, es zeichnet sich graphisch aus oder durch Wiederholungen, durch Sprachinnovation, Lautmalerei, Witz, Irrationalismus, Hermetisches und Offenes, Metapher ebenso wie umstandsloses Sagen... Wo es nichts von all dem hat oder sich all dem verweigert, bedarf das doppelt und dreifacher Legitimation und kann doch Gedicht sein. Warum soll es dem Gedicht nach Beuys anders ergehen als dem Kunstbegriff? Der gute Gedanke, das neu Gesagte kann Gedicht sein, muß es nicht.
Prosa darf alles, enthält alles, was Gedicht auch darf und hat. Gedicht aber ist auf einmal wahrnehmbar (wir schließen mit Edgar Allen Poe das epische als zu lang aus). Gedicht dringt im Nu in die ältesten Schichten unseres Bewusstseins durch, auch weil es älter ist als die Prosa. Unser erstes Sprechen als Mensch ist Reim, von „Mama“ bis „Dada“ – siehe Peter Rühmkorf „agar agar zaurzaurim“. Unser erstes Sprechen als Gattung war Gedicht, war Zauberspruch und Gebet und Lied. Gedicht rührt unmittelbar ans Fundament, sagen wir es ruhig so: an Leben und Tod. Es kann das, wenn Leser/in da ist, es abzuholen. In diesem Moment zeigt sich, was ein gelungenes Gedicht ist.
Robert Graves zitiert in diesem Zusammenhang einen gälischen Dichter, der meint, ein Gedicht sei gut, wenn sich bei seinem Aufsagen die Barthaare so sträubten, daß man sich gut rasieren könne…
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und an welchen Autoren haben Sie sich zu Beginn Ihrer Laufbahn als Schriftsteller orientiert? Gibt es einzelne Texte die Sie besonders beeinflusst haben?
Das Schreiben fing überraschend an. Ich hatte keine Ahnung und traf auf die „Menschheitsdämmerung“, die wichtigste Sammlung expressionistischer Gedichte. Ich war vierzehn, die Pubertät tat das ihre, d. h. es ging mir sowieso nicht gut, und ich war selbstverständlich unglücklich verliebt und schrie auf dem Papier heraus, was ich wollte, mehr oder minder unbewußt. Große Empfehlung für jede und jeden in dieser Lage. Kostet auch weniger Geld als alle andere Kunst und ist immer und überall zu machen! Jedenfalls war ich ganz Inhalt und ahnte nicht, daß es keinen jenseits von Form gab. Mit anderen Worten: Ich arbeitete von Anfang an nur an der Form, ohne zu wissen, daß ich das tat. Wer Gedichte schreibt, hat nur noch formale Probleme. Alle anderen treten dahinter zurück.
Zu Beginn meiner „Laufbahn als Schriftsteller“, das war dann schon ein ander Ding. Da wußte ich etwas mehr, und ich schaute bereits zurück auf die Anfänge.
Dessen Götter nahm ich aber mit, sie hießen Benn, Georg Heym, Lasker-Schüler, Trakl. Die „Kleine Aster“ war das größte Gedicht, fuhr mit seinem Messer am tiefsten herein, Benns „Morgue“ - Gedichte sowieso, Trakls „De Profundis“ und „An den Knaben Elis“ und sein „Psalm“. Später interessierte mich mehr der weite Atem. Da passten die großen Amerikaner, Neruda, Whitman, Allen Ginsberg, dazu kamen William Carlos Williams, Frank O’Hara usw.
Die Begegnung mit Hölderlin war verhängnisvoll (erst die Prosa, dann die Gedichte, wenn ich mich recht erinnere). Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist wahrscheinlich das einzige Gedicht, das ich permanent unfreiwillig zitiere. Von Shakespeare haben wir bis hier noch nicht gesprochen, und das meint erst einmal den „Hamlet“ und dann noch eine Menge. Drei Dichter, die in der DDR lebten, möchte ich auch nennen: Karl Mickel mit dem Band „Eisenzeit“, Adolf Endler mit „Das Sandkorn“ und Wolfgang Hilbigs „abwesenheit“.
Das ist alles viel zu ausführlich, ich weiß, und wenn wir dann noch über Prosa reden würden …
Welche/n zeitgenössische/n Lyriker/in schätzen Sie besonders?
Czeslaw Milosz; Inger Christensen.
In Ihrem dritten Gedichtband – „Bornholm II“ greifen Sie Marina Zwetajewa, deren Gedichte Sie nachgedichtet haben, im Titel eines Ihrer eigenen Gedichte auf: „Anna Achmatowa, ein Gedicht für Sie!“ – geschieht es oft, daß Ihre Nachdichtungen Ihnen Anregung für eigene Werke liefern?
Wenn ich Sie recht verstehe, meinen Sie das Gedicht, das auf Achmatowa-Lektüre antwortet, und schließen daraus auf die Nachdichtungsarbeit. Übersetzen/Nachdichten von Gedichten bedeutet intensivstes Lesen. Das bleibt nicht ohne Folgen für das eigene Handwerk. Direkte, ausgesprochene Antworten gelingen mir aber eher selten.
In einem Interview sagten Sie einmal, Jurij Trifonow zitierend, daß der Schriftsteller einmal gelitten haben müsse, dann könne er sein, wie er wolle. Was würden Sie als Ihr in diesem Sinne befreiendes Leidenserlebnis bezeichnen?
Sie gestatten, daß ich darauf nur kommentierend antworte: Es gibt Autoren, die fürchten die Psychoanalyse, weil sie das Fundament verändern könnte, auf dem auch das Schreiben beruht. Vielleicht verhält es sich so, vielleicht nicht. Schreiben als Autoanalyse aufzufassen, greift bekanntlich zu kurz. Ein Autor von Gedichten meiner Art hat vielleicht eine ursprüngliche Quelle, einen Urgrund zu schreiben. Die können auch versiegen, die können auch abgearbeitet sein. Die Professionalität eines Schriftstellers kann auch darin liegen, sich dessen bewusst zu sein und nur das in die Öffentlichkeit zu geben, was in diesem Sinne echt und notwendig ist.
Was Sie in der Frage zitieren, ist auch ganz schlicht der Hinweis darauf, wie nebensächlich das Private eines Autors ist.
Gab es für Sie am Anfang Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ein Gegenüber, dem Sie ohne Rückhalt Versuche zeigen konnten – denken Sie, ein solches Gegenüber ist notwendig, um gerade am Anfang einer schriftstellerischen Karriere seine Fähigkeiten richtig einschätzen zu können? Was zeichnet ein solches Gegenüber aus?
Der Schriftsteller Franz Fühmann war für mich ein solches Gegenüber. Ich hatte ihn mit sechzehn kennengelernt. Ich zeigte ihm manches, bei weitem nicht alles, und er reagierte positiv oder negativ (fast nie detailliert). Er hat die Spreu vom Weizen geschieden, und er traf immer. Das tat auch weh. Ohne seine Förderung wäre ich auf keinen Fall so rasch Schriftsteller geworden, abgesehen von den konkreten Bedingungen in der DDR.
Wenn man eine/n solche/n finden kann: (im Falle Fühmann universell) gebildet und unbestechlich – das hilft mehr, als zu sagen wäre.
Das Talent kann aber vollkommen unabhängig von allem Einfluß, von aller Nachfrage und aller Spiegelung sich entwickeln. Es gibt keine Regel.
Haben Sie nach Veröffentlichung eines Ihrer Bände je das Bedürfnis, einen Text im Nachhinein zu überarbeiten?
Kleinigkeiten ändere ich gelegentlich bei Lesungen. Ansonsten fliegt manches im Nachhinein einfach raus und hat sich daran zu halten, d. h. ich vermeide, es überhaupt anzuschauen. Manchmal findet ein Leser ein Gedicht gut, daß ich selbst nicht mehr verstehe. Dann lese ich und staune und freu mich klammheimlich.
Haben Sie beim Schreiben einen idealen Leser vor Augen, was zeichnet diesen aus?
Nein. Jede und jeder, die oder der genug Muße, genug Offenheit für ein Gedicht hat, wäre ideal.
Wie schätzen Sie die gesellschaftliche Relevanz von Literatur im Allgemeinen und von Lyrik im Besonderen ein?
Die Literatur im Zeitalter des Literaturbetriebs ist Teil der großen, permanenten Brot-und-Spiele-Veranstaltung. Nach meiner Erfahrung beschädigt dies aber das Lesen nicht.
Lesen nämlich, das zweckfreie Aneignen von Literatur – und erst recht von Gedichten – ist ein subkutanes Stärkungsmittel für den gesellschaftlichen Prozeß. Alle Leser führen ein Gespräch miteinander. Das sollte dem demokratischen Spiel zuträglich sein.
In Diktaturen, in geschlossenen Gesellschaften ist gute Literatur subversiv. Man erkennt den Zustand einer Gesellschaft oder einer Denkungsart an ihrem Umgang mit der Literatur und mit denen, die sie schreiben (siehe Islamismus).
Welche Erfahrungen haben Sie vor allem am Anfang Ihrer schriftstellerischen Kariere mit dem deutschen Literaturbetrieb gemacht?
In dem Land, aus dem ich komme, gab es keinen Literaturbetrieb, wenn wir nicht die Zensurveranstaltung damit meinen, die „Leseland“ spielen musste aus Mangel an medialer Offenheit. Es gab eine Not zu lesen. Man fragte nach Büchern wie nach den besseren Lebensmitteln. Mit dem Ende des Mangelsystems war das passé. Insbesondere die Rückkehr der Publizistik hat die Literatur des Mangels erledigt.
Der westdeutsche Literaturbetrieb hat mich von meinem dritten Band bei Suhrkamp, „Bornholm II“, als Autor wahrgenommen. Bis dahin waren meine Gedichte nur politisch kommentiert worden. Mit den nun einsetzenden Einladungen zu Lesungen usw. erfuhr ich, daß ich einen wirklichen Beruf habe, nicht nur eine mehr oder minder deutliche sog. Berufung. Und daß mit Gedichten ein Gespräch anzuzetteln war, das vor Grenzen nicht Halt macht. Eine Erfahrung, die ich auch heute noch mache, und der ich etwas abgewinnen kann.
Welche Tipps würden Sie Nachwuchsautoren geben?
Schreiben. Für sich schreiben. Auf Echtheit prüfen. Lesen. Nicht nur auf die Gleichaltrigen schauen, nicht nur auf das, was unmittelbar daneben steht. In die Tradition ausfliegen. Dante lesen. Übersetzen. Pindar durch Hölderlins Augen sehen. Den Anspruch nicht kleiner machen, weil die raschere Publikation winkt. Dem eigenen Text das eigene Rückgrat mitgeben. Durchhalten. Einander vorlesen. Eine eigene Zeitschrift machen. Sich von Gedichten unterhalten lassen und mit Gedichten unterhalten. Damit leben, daß einem trotzdem das Etikett „schwierig“ aufgeklebt wird, und mit dem eigenen Publikum später drüber lachen. In allererster Linie schreiben. Nicht vergessen: Für sich schreiben. Da ist der Anspruch am größten.
