Ausgabe 01
Die erste Ausgabe.
Umfang 68 Seiten
Erschienen im Januar 2006. Erster Jahrgang. Nummer Eins.
ISSN 1861-9940
Die Ausgabe ist leider vergriffen.
Leseprobe
Cut [Auszug]
Hannes Bajohr
IV.
Heute Morgen bleibt er liegen. Als er die Augen zwischen den Laken aufschlägt und den schmerzenden Rücken und die verspannten Schultern bemerkt, kann er keinen Gedanken fassen. Er kennt das Gefühl, der Kater erinnert noch einen Tag später mit schmerzenden Beinen an das Besaufen von gestern. Das muss ein Gestern gewesen sein. Mit langem Feiern oder einsamen Trinken vor dem Fernsehen. Aber gestern war nichts. Er dreht seinen zementschweren Körper und die Stirn schmerzt wie die Flaks, die er neulich schneiden musste. Er geht ins Bad, nimmt wahllos ein paar Tabletten aus dem gelben Schränkchen, wirft sie alle in seinen Rachen und spült mit dem kalkharten Wasser nach, das aus dem Hahn kommt. Die Armaturen sind fleckig davon. Überhaupt kann er sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal sauber gemacht hat. Das Becken war mal weiß, jetzt ist es gelblich und wenn er mit einer Hand über das Keramik fährt, fühlt er den Dreck als Erhebung unter seinen Fingerspitzen. Er beugt sich über das Klo und übergibt sich. Die Tabletten schwimmen in der Schüssel, inmitten einer schaumigen Lache. Er verlässt das Bad, spürt zwei Schritte lang die kalten Fliesen, dann die weiche Badematte, die Struktur der Dielen, schließlich schlüpft er wieder ins Bett, das warm ist und ihn nicht wärmt.
Draußen fängt es an zu regnen. Die Bäume vor seinem Fenster wiegen sich unrhythmisch und rauschen monoton. Die Tropfen perlen schräg gegen die Fenster und hinterlassen Spuren, die wie die Reste der toten Insekten aussehen, die auf der Frontscheibe seines Autos zerplatzt sind. Er hat überhaupt keine Ahnung, wie spät es ist und diese Ungewissheit ist das einzige, das ihm an diesem Moment gefällt. Dann fühlt er wieder seinen Körper. Er dreht sich auf den Bauch. Er kann nicht denken. Er denkt nicht. Ein Blitz zuckt von draußen ins Zimmer, alles wird blau, verschwindet, der Donner folgt. Er liegt einfach. Gestern war nichts, gestern war es wie immer. Er hat Kopfschmerzen, die ohne Grund sind, oder die nach einem Grund fordern, weil sie keinen finden können. Seine Gedanken sind eine Endlosschleife, sie gehen einen Schritt, dann noch einen, aber der dritte beginnt wieder von vorn.
Um drei ruft jemand von der Agentur an, er kann die Nummer sehen. Er geht nicht dran. Immerhin, ihre Stechuhren funktionieren noch.
Um sechs ist ihm übel, er krümmt sich im Bett, setzt sich auf und hat einen Geschmack von Galle im Mund, die trockene Zunge schmatzt, er atmet zu tief. Er spürt sein Herz in der Kehle klopfen. Im Bad will er sich Wasser in ein Glas füllen. Er findet das Becken nicht sofort, es war immer links, denkt er, jetzt ist es auf der rechten Seite. Das Becken hat den Platz gewechselt, natürlich, es muss den Platz gewechselt haben seit heute Nachmittag. Er füllt das Glas mit Wasser und kippt es in sich, bildet sich ein, viel später ein Geräusch zu hören. Das ist das Ende des Lochs. Er nimmt noch mehr Tabletten und schläft auf dem Klo sitzend ein.
Um halb acht wacht er wieder auf. Er kann die Beine nicht mehr spüren, sie sind wie tot. Die lustlosen Schläge, die er sich versetzt, fühlt er nicht. Er fasst sich unter die Kniekehlen und hebt das Fleisch, er spürt das Blut wieder fließen, es bohrt sich seinen Weg schmerzhaft durch die Adern, um überall zu sein. Mit den Händen stützt er sich auf die Knie und versucht aufzustehen. Die Beine gehorchen ihm nicht, er knickt ein, sein Kopf streift die Wanne. Er liegt auf dem Boden und befühlt seine Stirn. Noch bevor er die Feuchtigkeit spürt, sieht er schon das Rinnsal auf den Fliesen. Rot, denkt er, und verliert das Bewusstsein.
Von Hannes Bajohr ist das Quartheft 09 der Bibliothek Belletristik erschienen: „Koordinaten“. Weitere Informationen finden Sie hier …
Inhalt
Cut.
Literatur Hannes Bajohr
Schuss Milch
Zahnarzt des Löwen
Liebeslied
Literatur Angela Peltner | Illustration Simone Söndgen
Trägst Du ihn nicht, trägt er Dich davon.
Literatur Jakob Renger | Illustration Johannes Reinhart
Schnee
Pappelschneegestöber
nieschnee
Nach P.
München - Nürnberg
Literatur Hendrikje Großmann
Mit der Scherbe im Fuß
Literatur Marion Dick | Illustration Florian Hauer
Pygmalion
Amor und Psyche
Literatur Christophe Fricker | Illustration Guglielmo Manenti
Seewetterbericht
Literatur Rasmus Althaus | Illustration Marco Heinzmann
Makellos
Literatur Tom Bresemann | Illustration Tilman Dominka
Feuerkind
Literatur Antonjin Frey | Illustration Oliver Hummel
Impressum








