Ausgabe 03
Neonpink ist das neue Schwarz.
Interview: Katharina Hacker
Umfang 52 Seiten
Erschienen im August 2006. Erster Jahrgang. Nummer Drei.
ISSN 1861-9940
Die Ausgabe ist leider vergriffen.
Leseprobe
Feuerkind [Auszug]
Antonjin Frey
Verlassen wir kurz das St. Bolfinus Haus mit seinen kleinen Bastarden. Lassen wir die Babuschka Igorovna im Flur ihren Mantel überziehen und ihre graue Tasche umhängen. Lassen wir Jewi sich erleichtert an den Tisch setzen, sich Ianna anschauen, wie sie sich fröhlich in der Küche bewegt und nach Essen für die Bastarde sucht. Lassen wir die Bastarde am Tisch flüstern und sich freuen, lassen wir alles Bisherige ruhen, und wenden wir unseren Blick für einen Moment ab von Jantsch und richten wir ihn auf ein kleines Haus nahe der Villa Kschessinkaia, in der alten Stadt an der Newa: St. Petersburg.
Betrachten wir das kleine Haus für einen kleinen Augenblick und schauen dann vorsichtig durch das große Fenster im Erdgeschoss, an der linken Seite seiner Front. Ziehen wir die schweren Damastvorhänge ein Stück zur Seite – gerade so weit, daß wir einen freien Blick in das weite, helle Zimmer hinter ihm gewinnen und beobachten wir dort zwei Männer am Anfang ihrer Männerjahre, die an einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes sitzen und gemeinsam ihr Abendbrot einnehmen. Schauen wir zuerst auf den im Wuchse kleineren von den beiden, Wassili Grigorovitsch, der durch eine dünnberahmte, stark verbogene Brille immer wieder auf einen unordentlich aufgetürmten Stapel Papier starrt, den er nur nach einer Aufforderung seines Gegenübers neben seinem Stuhl abgelegt hat und den er noch bis vor wenigen Augenblicken, bis sein Freund Vladimir Vasporovitsch das Mahl aufgetragen hatte, mit seinen scharfen braunen Augen begutachtet hat. Schauen wir dann auf Vasporovitsch und sehen wir ihn Wassili Grigorovitsch mit einem spöttischen Blick beobachten, wie dieser zwischen zwei lustlosen Bissen wieder den Stapel mit seinen Augen fixiert und den Kopf schüttelt. Pressen wir unser Ohr gegen die kalte Scheibe unseres Guckloches und hören wir Vasporovitsch mit seiner öligen Stimme ausrufen: »Mein liebster Wassili Grigorovitsch! Wenn ich es schon schaffe, meinem alten Vaspotin zu erklären, daß ich ausreichend vorbereitet bin, meinem illustren Publikum morgen Abend entgegenzutreten, damit ich rasch zu dir eilen kann – schaffe ich es, in Windeseile das Konservatorium zu verlassen, vergesse ich dabei sogar die Partitur, die ich diesem scheußlichen, glatzköpfigen deutschen Wittershoven abschwatzen konnte, und schaffe ich es sogar, unserer lieben alten Vanja nahezulegen, daß wir auch gerne Fisch essen, besonders an einem Freitag – fügt sich durch meine Mühen also alles so, daß wir einmal gemeinsam speisen können, dann, mein liebster Wassili Grigorovitsch, dann denke ich, daß ich das Recht habe, von dir zu verlangen, daß du deinen Blick wenigstens für diese Zeit auf mich und nicht auf deinen Stapel richtest! Schau mich an, Wassili, und sprich mit mir – unterhalte deinen alten Freund!« Schmunzeln wir kurz und schauen uns Wassili Grigorovitsch an, wie er Vasporovitsch kurz entschuldigend anschaut, seinen Blick dann auf seinen Teller fallen lässt, seinen Mund öffnet und sein Gegenüber heiser fragt: »Vladimir, was hältst du von der Behauptung, daß Armut und eingeschränkter Lebenswandel förderlich sind für das, was man landläufig Kreativität zu nennen pflegt?« Sehen wir Vasporovitsch, wie er sein Besteck auf seinen Teller fallen lässt, wie er seine Arme in gespielter Verzweiflung gen Himmel reckt und hören wir ihn »Nun höre sich das einer an!« ausrufen und dann »Mein liebster Wassili!« stöhnen, bevor er sein Besteck wieder aufnimmt, mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf schüttelt und eine blaugraue Flosse des vor ihm liegenden Karpfens von dem geschuppten Leib löst.
Inhalt
Erstens | Frau im Luftschutz [Auszug]
Literatur Lilly Jäckl | Illustration Florian Hauer
netzhautjahreszeiten
Literatur Marius Hulpe | Illustration Marco Heinzmann
Herbert
Literatur Sabine Kalff | Illustration Tilman Dominka
Stirnhöhle, aufruhend
Literatur Roman Widder | Illustration Georg Behringer
… wie Dörrfleisch
Literatur Anita Reiter | Illustration Robert Urban
Reigen über die Eifersucht | weckruf
Literatur Philippe Roepstorff-Robiano | Illustration Johannes Reinhart
Der Wicht
Literatur Tobias Haberkorn | Illustration Tanja Kischel
Reise in rotgelb
Literatur Katharina Bendixen | Illustration Birgit Metzger
Die Markise von O.
Literatur Julia Trompeter | Illustration Simone Graber
Feuerkind
Literatur Antonjin Frey | Illustration Oliver Hummel
Belletristik fragt …
Katharina Hacker
Nachwort | Impressum








